Deine Praxis läuft – aber nur, weil Du alles zusammenhältst

Anja Heene

Was passiert, wenn du wirklich mal ausfällst??

Du stehst um halb sechs Uhr morgens auf, versorgst die Familie, hetzt zur Praxis. Du gehst die Patientenliste des Tages durch, kümmerst dich um den Recall bevor die erste Patientin überhaupt im Wartezimmer sitzt, sprichst mit dem Labor. Zwischen Behandlungen klärst du Abrechnungsfragen, abends sitzt du noch über der Personalplanung. Deine Praxis läuft – weil Du Sie „trägst“.

Das ist keine Übertreibung. Es ist das Leben vieler Zahnärztinnen, die nicht nur Zahnärztin und Praxisinhaberin, sondern auch Führungskraft, Organisatorin und Ausbilderin sind. Und wenn Du Mama bist, schlüpfst Du abends wieder in deine zweite Rolle und machst weiter.

Du bist der Mittelpunkt.

Es gibt einen Unterschied zwischen einer Praxis, die von einem Team getragen wird, und einer Praxis, die von einer Person zusammengehalten wird. Es sieht stabil aus.

Aber diese Stabilität hat eine Voraussetzung, über die selten gesprochen wird: dass du jeden Tag anwesend bist.

Was passiert, wenn du wirklich ausfällst? Nicht für einen freien Tag mit Fieber, den man mit Ibuprofen und Willenskraft überbrückt – sondern wirklich. Eine OP, eine Krebsdiagnose, ein Unfall oder immer öfter die längere psychische Erschöpfung, die ärztlich behandelt werden muss. In diesem Moment zeigt sich, was viele Praxen tatsächlich sind: ein System, das ohne seine Trägerin nicht weiterlaufen kann.

Eine angestellte Vertretung zu finden, kurzfristig und qualifiziert, ist in den seltensten Fällen schnell möglich. Und selbst wenn: Patientinnen und Patienten vertrauen dir, nicht „der Praxis” abstrakt. Viele warten lieber, als sich von jemand Fremdem behandeln zu lassen – was bedeutet, dass auch in der Zwischenzeit, in der du eigentlich vertreten wärst, Umsatz ausbleibt. Es ist der Ernstfall, der häufig große Lücken aufzeigt.

Der wichtigste Gedanke dieses Artikels ist nicht, Angst zu machen, sondern etwas sichtbar zu machen, das im Alltag leicht übersehen wird: Du bist der wirtschaftliche und organisatorische Kern deiner Praxis. Das ist eine Leistung, die Respekt verdient – und gleichzeitig ein Risiko, das aktiv gemanagt werden sollte.

Frag dich VOR dem Ernstfall:

  • Gibt es einen Vertretungsplan? Wer kann kurzfristig einspringen?
  • Wer im Team darf Entscheidungen treffen, wenn Du nicht vor Ort bist ? Sind Kompetenzen klar geregelt?
  • Ist der feste Kostenblock auch ohne Umsatz durch Rücklagen tragbar?
  • Wie sind Einkommens- und Praxisausfall finanziell abgesichert, wenn Du längere Zeit nicht arbeiten kannst?

Es sind nicht nur organisatorische, sondern vor allem finanzielle Herausforderungen – und genau die werden am häufigsten aufgeschoben, weil sie unangenehm sind. Dabei sind sie es, die im Ernstfall darüber entscheiden, ob ein gesundheitlicher Rückschlag „nur” eine Auszeit bedeutet oder zusätzlich eine wirtschaftliche Krise.

Du musst diese Fragen nicht allein beantworten. Sprich mit deinem betriebs-wirtschaftlichen Berater oder deinem Steuerberater, ein Austausch im Kollegen-netzwerk zu Vertretungsmodellen, eine ehrliche Bestandsaufnahme, wie gut Einkommen und Praxisfortbestand im Ernstfall abgesichert sind – das sind machbare Schritte.

Du trägst deine Praxis. Also lasse sie nicht ungeschützt. Vorsorge ist ja bekanntlich immer besser als Nachsorge.