Mehr Software. Mehr Arbeit.

Andrea Teister

Warum Digitalisierung den Praxisalltag manchmal komplizierter macht – und wie aus digitalen Lösungen echte Entlastung wird.

Telefon-KI, Online-Terminbuchung, digitale Anamnese, Recall-System, Praxis-App, Dokumentation, Chatbot – die Auswahl an digitalen Lösungen wächst beinahe täglich. Nur eines wächst in vielen Praxen nicht mit: die verfügbare Zeit.

Manchmal entsteht sogar der Eindruck, dass mit jedem neuen digitalen Helfer auch eine neue Aufgabe, eine neue Schnittstelle und ein neues Passwort hinzukommen.

Das Problem ist dabei häufig nicht die Digitalisierung. Sondern die Art, wie wir digitalisieren.

Erst das Problem, dann die Technik

Ein digitalisierter Ablauf ist nicht automatisch ein guter Prozess. Im ungünstigsten Fall wird ein umständlicher analoger Ablauf lediglich zu einem umständlichen digitalen Ablauf.

Deshalb sollte vor jeder neuen Lösung die Frage stehen: „Welches Problem wollen wir eigentlich lösen?

Ein Beispiel ist das Telefon. Ist das Team ständig mit Anrufen beschäftigt, lautet die schnelle Antwort vielleicht: „Wir benötigen eine Telefon-KI.“ Doch warum entstehen die Anrufe? Geht es um Terminvereinbarungen, Verschiebungen oder wiederkehrende organisatorische Fragen?

Erst wenn das Problem bekannt ist, kann entschieden werden, welche Lösung wirklich sinnvoll ist.

Digitalisierung sollte Zeit zurückgeben

Gerade angesichts steigender Kosten und des Fachkräftemangels wird eine Frage immer wichtiger:

Wo können wir Menschen von Aufgaben entlasten, für die wir eigentlich keinen Menschen benötigen?

Digitale Terminvergabe, automatisierte Erinnerungen oder digitale Anamnese können Freiräume schaffen – vorausgesetzt, sie werden sinnvoll in bestehende Abläufe integriert.

Ein zusätzliches Tool, das parallel zu vorhandenen Strukturen betrieben werden muss, bewirkt dagegen schnell das Gegenteil: mehr Komplexität, mehr Schnittstellen und mehr Arbeit.

Das gilt auch für künstliche Intelligenz. KI kann Prozesse unterstützen und Aufgaben übernehmen. Doch auch die beste KI löst keine unklaren Zuständigkeiten oder widersprüchlichen Abläufe.

Technologie kann gute Strukturen beschleunigen. Sie kann schlechte Strukturen allerdings ebenso beschleunigen.

Und das Team?

Mitarbeiterinnen, die täglich Termine koordinieren, Patientenanfragen beantworten und administrative Aufgaben erledigen, wissen häufig am besten, wo Prozesse haken.

Eine einfache Frage kann deshalb der Anfang einer erfolgreichen Digitalisierungsstrategie sein:

„Welche drei Dinge kosten uns im Praxisalltag regelmäßig unnötig Zeit?“

Die Antworten darauf sind häufig aufschlussreicher als die nächste Produktpräsentation.

Nicht maximal digital – sondern sinnvoll digital

Die Praxis der Zukunft wird nicht zwangsläufig die Praxis mit den meisten digitalen Anwendungen sein.

Sie wird diejenige sein, die bewusst entscheidet, wo Technik einen echten Mehrwert schafft und wo der Mensch unverzichtbar bleibt.

Digitalisierung, Automatisierung und KI sind kein Selbstzweck. Sie sollten Abläufe vereinfachen, das Team entlasten und wieder mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten schaffen.

Deshalb beginnt erfolgreiche Digitalisierung nicht mit:

„Welches Tool sollen wir kaufen?“

Sondern mit:

„Welches Problem wollen wir lösen?“


20. August 2026

Andrea Teister ist Diplom-Kauffrau und Gründerin von Campus PraxisPlus. Gemeinsam mit Experten aus Medizin, Praxismanagement, Digitalisierung und weiteren Fachbereichen beschäftigt sie sich mit der Frage, wie sich Arzt- und Zahnarztpraxen wirtschaftlich, organisatorisch und digital zukunftsfähig aufstellen können.